Zahnfleisch-Entzündung womöglich Ursache für Alzheimer

Die Krankheit beginnt schleichend. Mal wird der Schlüssel verlegt, mal betritt man ein Zimmer, ohne sich daran zu erinnern, was man dort eigentlich wollte. „Schusseligkeit!“, denkt man. Doch mit der Zeit lässt das Gedächtnis immer mehr nach. Selbst alltägliche Handlungen, wie das Essen mit Messer und Gabel, bereiten plötzlich Schwierigkeiten. Ist die Krankheit weiter fortgeschritten, erkennen die Patienten ihre eigenen Kinder nicht wieder, sie bekommen Panik, weil ihnen ihre Umgebung fremd erscheint, sie können fast nichts mehr allein und verlernen das Sprechen.

1,2 Millionen Deutsche sind von Alzheimer betroffen – vor allem Menschen im fortgeschrittenen Alter. Es ist die mit Abstand häufigste Form der Demenz. Und trotz intensiver Forschungen gilt sie noch immer als unheilbar.

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Was bei Alzheimer passiert

Bei der Alzheimer-Krankheit verändert sich das Gehirn. Eiweißablagerungen zwischen den Nervenzellen stören seine Funktionsfähigkeit. Die Synapsen sind verklebt, wodurch die geistige Leistungsfähigkeit der Patienten nachlässt. Nach und nach baut das gesamte Gehirn ab, weil sterbende Nervenzellen nicht erneuert werden.

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Wodurch Alzheimer entsteht

Bei der Frage, was Alzheimer auslöst, tappen Mediziner nach wie vor im Dunkeln. Fest steht, dass das Erkrankungsrisiko steigt, wenn nahe Verwandte Alzheimer haben. Allerdings scheinen lediglich 1 % der Fälle direkt auf Vererbung bzw. die Gene zurückzuführen zu sein. Auch Bluthochdruck- und Diabetes-Patienten weisen ein erhöhtes Alzheimer-Risiko auf. Mediziner halten es daher für wahrscheinlich, dass die Krankheit mehrere Ursachen haben könnte – und eine davon möglicherweise im Mund.

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Entzündetes Zahnfleisch als Risiko

Anfang dieses Jahres veröffentlichte ein internationales Forscherteam eine spektakuläre Studie. Demnach könnte in vielen Fällen eine schlechte Mundhygiene der Grund für Alzheimer sein. Zähneputzen gegen Demenz? Was sich im ersten Moment wie Hohn anhört, wird in der Tat schon länger vermutet.

Im Verdacht steht dabei das Bakterium Porphyromonas gingivalis, das für Parodontitis verantwortlich ist. So findet sich der Zahnfleisch-Keim in 90 % der Gehirne von Alzheimer-Patienten, aber nur in 20 % der Gehirne von gesunden Menschen – und dort auch nur in geringerer Dichte.

Vermutlich gelangen die Parodontitis-Bakterien vom Mund über die Blutbahn ins Gehirn. Dass ein solches Durchbrechen der Blut-Hirn-Schranke möglich ist, kennt man bereits von anderen Krankheiten wie Borreliose oder Syphilis.

Versuche mit Mäusen zeigten nun, dass der Zahnfleisch-Keim im Gehirn Entzündungsreaktionen in Gang setzt, wodurch eben jene Eiweißablagerungen entstehen, die für Alzheimer so typisch sind. Das Gehirn will sich vor den giftigen Enzymen des Bakteriums schützen und schadet sich damit selbst. Wurden die Enzyme von den Wissenschaftlern blockiert, blieb das Gehirn intakt.

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Studie mit offenen Fragen

Viele an Alzheimer erkrankte Menschen haben Probleme mit der Zahngesundheit. Das ist nicht weiter verwunderlich: Allgemein ist Parodontitis bei Senioren verbreitet. Die Dritten pflegt man nun einmal weniger gründlich als die natürlichen Zähne. Das gilt erst recht für Demenzkranke. Zudem ist – wie Neurologe Robert Moir betont – die Blut-Hirn-Schranke bei Demenzkranken durchlässiger als üblich. Beides könnte dazu führen, dass die Bakterien in so großer Anzahl ins Gehirn gelangen. Sie wären dann aber nur Symptom, nicht Ursache von Alzheimer.

Dentures

Auf der anderen Seite haben bereits mehrere Studien bestätigt, dass Parodontitis das Alzheimer-Risiko auffällig erhöht. Darüber hinaus legen die jetzt veröffentlichten Versuche aus dem Tierlabor einen kausalen Zusammenhang zumindest nahe. Klinische Studien, die gezielt Medikamente am Menschen testen, sind bereits in Auftrag gegeben. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

Derweil gilt: „Regelmäßig Zähne putzen und Zahnseide benutzen“, wie Piotr Mydel, der an der Studie mitgewirkt hat, empfiehlt. Zwar seien die Parodontitis-Bakterien mit Sicherheit nicht die einzigen Auslöser von Alzheimer, doch könne eine gründliche Mundhygiene ein wichtiger ergänzender Beitrag zur Vorbeugung sein.

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