Aromantik: Platonische Freundschaften sind gewünscht, Liebe aber nicht.

Liebe, Sexualität und Freundschaft sind drei große Themen, die jeden Menschen spätestens ab der Pubertät beschäftigen. In dieser Zeit probiert man sich aus und findet seine persönliche sexuelle und emotionale Orientierung. „Jeder junge Mensch hat das Bedürfnis, sich mit der eigenen Sexualität und Gefühlswelt zu beschäftigen. Dafür braucht man Orientierung, Richtungen und Kategorien, die Unfassbares greifbar machen“, beschreibt der Therapeut Michael Sztenc die Identitätsfindung während der Pubertät.

 
 
 
 
 
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Das Beziehungskonzept Mann-Frau-Kinder ist mittlerweile überholt und man kann sehen, dass Liebe noch viel mehr Facetten aufweist. So taucht seit 2013 beispielsweise der Begriff „Aromantik“ regelmäßig in Kulturtheorien und vermehrt auch in den Medien auf. Dieser beschreibt Menschen, die kein oder nur wenig das Bedürfnis nach einer romantischen Beziehung haben. 

Die 20-jährige Sabina aus Bremen beispielsweise ist froh darüber, endlich einen Namen für ihr „komisches Verhalten“ gefunden zu haben, wie im Online-Magazin Vice geschildert wird. Denn das Desinteresse, welches sie Jungen entgegenbrachte, die sich in der Schule für sie interessierten, verschwand mit zunehmendem Alter, inklusive Pubertät, nicht.

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„Auf 'Ich liebe dich' gibt es in einer Beziehung nur die Antwort 'Ich dich auch', aber für mich sind das nur Worte ohne Bedeutung“, erklärt Sabina ihre fehlenden romantischen Gefühle anderen Menschen gegenüber. „Ich bin sehr empfänglich für Komplimente, aber mehr auch nicht“, erklärt Sabina.

Zuerst dachte Sabina, dass sie vielleicht lesbisch sein könnte, da sie kein Interesse an Beziehungen mit Jungen hatte. Nachdem sie aber ein anderes Mädchen geküsst hatte, konnte sie dies für sich ausschließen. Erst nachdem die junge Frau doch eine Beziehung mit einem Jungen eingegangen war, begriff sie, dass eine solche Nähe sie einfach nicht glücklich machte. „Ich fand ihn optisch attraktiv, aber habe mir nicht gewünscht, stundenlang auf dem Sofa zu kuscheln“, beschreibt sie ihre Gefühle.

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Aromantische Menschen sind aber keineswegs Gefühlskalt oder haben kein Interesse am anderen Geschlecht. Im Gegenteil, viele Aromantiker haben einen großen Freundeskreis oder reagieren sensibel, auf traurige oder schöne Filme oder Musik. Nur Liebeskummer können viele von ihnen nicht nachvollziehen.

Wieso Aromantiker keine romantischen Gefühle entwickeln, kann bisher wissenschaftlich nicht erklärt werden, da dieses Thema ein noch kaum erforschtes Gebiet ist. Fest steht nur, dass man die Sexualität von der Aromantik abgrenzen muss. Denn Menschen, die sich als aromantisch bezeichnen, können durchaus sexuell erregt werden und haben nach eigenen Angaben auch Sex.

Chrysanthe and Amit

Anders als Sabina, fand die Amerikanerin Brii Noelle erst mit Mitte zwanzig heraus, dass sie aromantisch ist. Sie hatte vorher schon mehrere ernsthafte Beziehungen gehabt und ist Mutter von zwei Töchtern. Dennoch nennt sie sich mittlerweile selbst aromantisch und diese Entscheidung resultierte aus einem weiteren Versuch, eine Beziehung zu führen.

Denn nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, wollten ihre Freunde sie mit einem Bekannten verkuppeln. Sie mochte ihn, aber bemerkte, dass sie auch nach mehreren Monaten keinerlei Gefühle für ihn entwickelt hatte. „In diesem Moment dachte ich über meine früheren Beziehungen nach und realisierte, dass ich mich zwar immer wohlgefühlt habe, aber für keinen der Männer Liebe empfunden hatte.“

 
 
 
 
 
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Auch Brii wird regelmäßig mit Vorurteilen ihrer Mitmenschen konfrontiert, die Kommentare machen, wie: „Du hast einfach noch nicht die richtige Person getroffen.“ Sie lässt sich davon nicht einschüchtern und antworte darauf immer mit „Doch, mich“ und möchte damit zeigen, dass ihrer Meinung nach eine romantische Partnerschaft nicht über anderen menschlichen Beziehungen, wie der Selbstliebe oder Freundschaft, steht.

Eine Erklärung für die fehlenden romantischen Gefühle haben die beiden Frauen noch nicht gefunden, aber sie fühlen sich nun wohler, seit sie wissen, dass es für ihr Phänomen auch einen Begriff gibt – auch wenn ihr „Outing“ als Aromantikerinnen immer wieder Stirnrunzeln hervorruft. Mehr und mehr Forscher widmen sich jedoch diesem Thema und machen mit ihrer Arbeit darauf aufmerksam.

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